Viel mehr Schutz für Wanderfische erforderlich
02.04.2026
Auf der 15. Vertragsstaatenkonferenz der Bonner Konvention zum Schutz wandernder Tierarten wurde Ende März im brasilianischen Campo Grande eine globale Bestandsaufnahme wandernder Süßwasserfische vorgestellt. Das Ergebnis: Wandernde Fischarten sind weltweit wesentlich schutzbedürftiger als bislang angenommen. Die Schutzmaßnahmen müssen aber nicht nur verstärkt werden, in Europa müssten 50 Fischarten zusätzlich geschützt werden, weltweit sind es sogar 325 Arten.
Bislang werden lediglich 23 Arten wandernder Süßwasserfische als schutzbedürftig gelistet, darunter der Europäische Aal sowie 19 Arten aus der Ordnung der Störe und Löffelstöre.
Als Gründe für die Bedrohung werden der Bau von Staudämmen und anderen Querbauwerken, die Fragmentierung von Lebensräumen, Umweltverschmutzung und klimabedingte Veränderungen der Ökosysteme genannt.
Wandernde Süßwasserfische gehören zu den am stärksten bedrohten Tiergruppen überhaupt. Damit besteht ein extremes Ungleichgewicht zwischen Schutzbedarf und der Berücksichtigung der Süßwasserfische in der Bonner Konvention.
Fachleute zeigen sich wenig überrascht von dem Ergebnis. So erklärt Prof. Dr. Boris Lehmann, Fachgebiet Wasserbau und Hydraulik an der TU Darmstadt: „Dass weltweit über 300 wandernde Süßwasserfischarten zusätzlichen Schutz benötigen, überrascht aus wissenschaftlicher Sicht leider kaum. Flüsse gehören heute zu den am stärksten fragmentierten Ökosystemen der Erde – mit unzähligen Stauanlagen, Wehren und anderen Querbauwerken. Der Report macht deutlich, dass wandernde Fischarten entlang der Gewässernetze oft über viele Länder hinweg migrieren. Deshalb sind sie besonders schwierig zu schützen – sie benötigen internationale Abkommen und koordinierte Maßnahmen entlang ganzer Flusssysteme.“
Dr. Jakob Brodersen, Leiter der Abteilung Fischökologie und Evolution am Wasserforschungsinstitut Eawag, Dübendorf, Schweiz, erklärt: „Es überrascht mich nicht, dass 325 Arten mehr als die ursprünglich angegebenen 23 Arten zu den wandernden Süßwasserarten gehören, die eines verstärkten Schutzes bedürfen. Wanderarten sind im Allgemeinen gefährdeter als standorttreue Arten: Sie benötigen nicht nur einen, sondern zwei alternative Lebensräume, die ihren Bedürfnissen entsprechen, sowie einen Durchgang zwischen diesen. Während Zugvögel oder Meeresarten um Hindernisse herum alternative Routen auf ihren Wanderwegen finden können, sind wandernde Süßwasserfische meist auf die Bewegung durch Flüsse angewiesen. Dort gibt es oft keine alternativen Routen für die Bewegung stromaufwärts oder stromabwärts, wenn ein Hindernis errichtet wird.“
Und Prof. Dr. Sonja Jähnig, die kommissarische Direktorin des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei macht deutlich: „Dass 325 Arten identifiziert wurden, ist nicht überraschend – das zeigt eine schon lange bestehende, systematische Schutzlücke. Wandernde Süßwasserfische gehören global zu den am stärksten rückläufigen Wirbeltiergruppen, mit einem Rückgang von 81 Prozent seit 1970. Sie werden aber politisch und institutionell deutlich unterschätzt, übersehen oder ignoriert. Kurz gesagt: Wanderfische haben bisher eine schwache Lobby, obwohl sie Schirmarten für vielfältige Artengemeinschaften und Lebensräume sowie deren reiche Ökosystemleistungen auch für uns Menschen wichtig sind.“
Mehr zu dem Thema: https://www.sciencemediacenter.de/angebote/un-report-globale-bestandsaufnahme-wandernder-suesswasserfischarten-26050
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